Der Markt für Rechenzentren in Frankfurt boomt
Von Michael Wutzke, , aktualisiert
Dass sich der Großraum Frankfurt in den letzten Jahren zu einem führenden Standort für Rechenzentren entwickelt hat, ist kein Geheimtipp mehr. Der Grund liegt auf der Hand: Frankfurt liegt mitten in Deutschland, und der geografische Mittelpunkt der EU ist nur rund 40 Kilometer östlich der Finanzmetropole. Das sorgt für schnelle Datenverbindungen für viele Menschen.
Genau genommen beschränkt sich der Bau von Rechenzentren nicht auf das Stadtgebiet von Frankfurt. In der ganzen Region Frankfurt Rhein-Main entstehen Cluster von Rechenzentren, und viele Betreiber suchen die Nähe zum DE-CIX (dem weltgrößten Internetknoten). Hotspots für Rechenzentren im Großraum Frankfurt sind vor allem der Frankfurter Osten, Sossenheim, das Gallus, das Kaiserlei-Gebiet in Offenbach, Hattersheim und Rüsselsheim. Die regionale Verteilung hat einen Grund: Ein Cloud-Anbieter wie AWS verteilt die Daten zum Beispiel auf drei Standorte und verbindet sie miteinander. Zwischen den einzelnen Standorten liegen meist mindestens 20 Kilometer, damit bei einem Stromausfall ein Rechenzentrum in der Nähe übernehmen kann.
Im Juli 2020 kündigte Interxion an, die ehemalige Zentrale des Versandhändlers Neckermann zu einem großen IT-Standort auszubauen. Ab dem ersten Quartal 2021 sollen deshalb auf einem großen Teil des Neckermann-Geländes mehrere Rechenzentren entstehen. Bis 2028 sollen mehr als eine Milliarde Euro investiert werden, sagte Jens Prautzsch, Geschäftsführer von Interxion Deutschland. Das Unternehmen betreibt in Frankfurt bereits 15 Rechenzentren und beherbergt den weltgrößten Internetknoten DE-CIX. Interxion gehört inzwischen zu Digital Realty.

Früher wurden Rechenzentren in Frankfurt vor allem ebenerdig in Hallen gebaut. In zentralen Lagen ist diese Zeit vorbei. Weil Grundstücke teuer sind, baut man Rechenzentren heute in die Höhe. Besonders gut zu sehen ist das im Frankfurter Osten auf dem Gelände der Interxion-Rechenzentren.
Die Global Data Center Advisory Group von Cushman & Wakefield bestätigt in ihrem aktuellen Bericht über europäische Rechenzentren, dass der Markt weiter wachsen wird. Der Lockdown in der Coronakrise habe gezeigt, wie nötig eine belastbare IT-Infrastruktur ist: wegen des Homeoffice und weil die Menschen in ihrer Freizeit mehr Videos streamten und mehr online spielten. Entsprechende Spitzen im Internetverkehr spiegelten diese neue Realität. Im Frühjahr 2020 meldete der DE-CIX einen Weltrekord von 9,1 Terabit pro Sekunde Durchsatz. Darin steckten 50 Prozent mehr Videokonferenzen und je 25 Prozent mehr Online-Glücksspiel und Nutzung sozialer Medien.
Dazu kommt ein Ausbau von deutlich mehr als 100 MW, der in Frankfurt in vollem Gange ist. Einen besonderen Anteil daran haben die globalen Anbieter Digital Realty und Equinix, die jeweils in mehreren Clustern aktiv sind, sowie die Wettbewerber Cyrusone, Iron Mountain, Colt, Interxion und Etix. Viele dieser Anbieter hoffen, weitere Hyperscaler als Ankermieter zu gewinnen. Hyperscaler sind vor allem Unternehmen wie Amazon Web Services, Google, Microsoft usw. Aber nicht nur das Coronavirus lässt die Rechenzentren in Frankfurt wachsen. Auch der Datenschutz nach der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) sorgt dafür, dass Kapazitäten in Deutschland aufgebaut werden und nicht in anderen Ländern.
Im Juli 2020 hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) außerdem das sogenannte Privacy-Shield-Abkommen zwischen der EU und den USA gekippt. Damit wurden in vielen Fällen bisher legitime Datenübertragungen für rechtswidrig und unvereinbar mit europäischem Recht erklärt. In Zukunft werden Daten deshalb verstärkt in Deutschland gespeichert, damit sie nicht in Gebiete mit einer anderen Rechtslage gelangen.