Viele Projekte scheitern im Kleinen
Von Michael Wutzke, , aktualisiert
Im Beruf soll ich immer wieder Dinge verbessern oder bewerten. Die typischen Fragen sind dabei oft dieselben:
- Ist das Design klar?
- Sind die Inhalte verständlich?
- Ist die Lösung technisch einwandfrei?
Jeder hat eine subjektive Meinung, oder sollte zumindest eine haben können. Wenn wir Kollegen, Freunde und Kunden um Feedback bitten, bekommen wir also eine Antwort. Meist hört man sogar mehr Meinungen, als man Leute gefragt hat. Mit Vorschlägen und Konzepten ist es genauso: Geschrieben ist schnell etwas. Aber wie stellen wir fest, ob Einwände berechtigt sind, ob Lösungen funktionieren und ob die Kunden zufrieden sind?
Zuerst die schlechte Nachricht: Eine Patentlösung gibt es nicht. Jede Ausgangslage ist anders. Selbst wenn Produkte, Preise, Zielgruppe, technische Umsetzung und so weiter ähnlich sind, können die Ergebnisse am Ende deutlich auseinandergehen. Das habe ich im E-Commerce beobachtet, wo dasselbe Produkt auf verschiedenen Plattformen völlig unterschiedlich lief. Auf IT-Projekte übertragen heißt das: Es gewinnt nicht das Team mit dem meisten Geld oder dem vermeintlich besten Produkt. Erfolg entsteht aus der richtigen Mischung der Zutaten.
Wer Konzepte, Vorlagen und Lösungen bewertet, braucht vor allem Erfahrung. Wer etwas dreimal falsch gemacht hat, macht es beim vierten Mal eher richtig als jemand, der noch nie gescheitert ist. Man muss aber nicht immer scheitern, um Erfahrung zu sammeln. Auch Kollegen und Weiterbildungen bringen Erfahrung. Die wichtigste Frage aus mehr als 20 Jahren Produkt- und Softwareentwicklung ist für mich am Ende die Frage nach dem „Warum?“:
- Warum diese Überschrift?
- Warum dieser Satz?
- Warum dieses Bild?
- Warum diese Reihenfolge?
- Warum diese Programmiersprache?
- Warum dieser Marketingkanal?
- Warum dieser Kollege?
- Warum dieser Umsatz?
- Warum dieser Kunde?
- Warum nicht mehr Kunden?
- …
In vielen Jahren Projektplanung und Conversion-Optimierung in der Praxis habe ich gelernt, digitale Lösungen sehr schnell zu bewerten. Ich erkenne nach kurzer Zeit, ob hinter einer Umsetzung ein Profi steckt oder nicht. Lösungen großer Unternehmen sind meist ausgereifter als die kleiner. Das hat einen bestimmten Grund: Große Unternehmen beschäftigen etliche externe Berater, Agenturen, Produktmanager, Marketingleute und IT-Experten.
Wer die Frage nach dem „Warum?“ stellt, entdeckt mit etwas Übung schnell selbst Schwachstellen. Auch ohne viel Erfahrung helfen ein paar Kniffe:
- Das Wichtige zuerst, das Unwichtige danach, das Überflüssige weglassen.
- Lösungen für den unwissenden Nutzer entwerfen und sie aus der Sicht eines Dritten beschreiben.
- Nutzer belohnen und den nächsten Schritt vorwegnehmen.
Mein Fazit: Oft liegen die Probleme einer Anwendung nicht in der IT-Umsetzung, sondern bei denen, die diese Projekte konzipieren oder verantworten.